Einführung in die philosphische Ethik

Klausur vom 6.9.1999:

Vorbemerkung

Der Text der Klausur wird unverändert wiedergegeben. Einfügungen sind in eckigen Klammern, Auslassungen in geschweiften Klammern gesetzt. Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler wurden berichtigt.

Aufgabe

Charakterisieren Sie den Status der Ethik als einer praktischen Wissenschaft und disktuerien Sie deren Relevanz für die menschliche Praxis.

Klausur

Das Thema möchte ich in drei Versuchen, sozusagen in drei Anläufen bearbeiten. In einem ersten Schritt möchte ich klären, was unter einer Wissenschaft, insbesondere einer "praktischen Wissenschaft" zu verstehen sei. In einem zweiten Schritt geht es mir um den Status der Ethik in einer wie auch immer verstandenen "praktischen Wissenschaft". Zum Schluß soll dann die Relevanz einer Ethik für die menschliche Praxis diskutiert werden. Die Reihenfolge nährt den Verdacht, daß eine Entscheidung auf jeder Stufe Vorentscheidungen auf der folgenden impliziert.

Was ist eine Wissenschaft? Ohne mich all zu sehr in wissenschaftstheoretische Diskussionen zu verstricken erscheinen mir heute zwei konkurrierende Modelle am häufigsten diskutiert zu werden: Das eine Modell stellt auf die intersubjektive Überprüfbarkeit von Aussagen ab und erlärt nur solche Themen zu Gegenständen der wissenschaftlichen Diskussion, über deren Aussagen und Theorien Menschen zu unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlichen Orten unter gleichen Bedingugnen zu gleichen Ergebnissenk ommen können (-> Experiment). Ich möchte eine solche Postion verkürzend eine naturwissenschaftliche Haltung nnenn. Eine weitere Position bezieht alle Ergebnisse menschlicher Lebensäußerungen in ihre Betrachtung mit ein und betont die individuelle Situation des Wissenschaftlers [in der Forschung] {in die Forschung mit ein}, betrachtet auch die Lebensäußerung einer inneren Erfahrung (die sich prinzipiell einer eindeutigen intersubjektiven Überprüfung entzieht) und bezieht sie auf das innere Erleben des Wissenschaftlers. Ich möchte diese Position ebenso verkürzend als geisteswissenschaftliche Haltung [bezeichnen]{nennen}.

Aus diesen wissenschaftstheoretischen Grundpositionen ergeben sich Haltungen zu ethischen Begründungsverahren, sozusagen Vorentscheidungen zur Methode.

Eine Beschränkung der Ethik auf logische Fragen hat zur Folge, daß es nur noch um die Frage geht: Ist eine ethsiche Aussage hinsichtlich ihrer logischen Form korrekt? Die analytische Methode untersucht die Sprache, in der ethische Sätze formuliert werden und stellt fest, daß ethische Sätze präskriptiver und nicht deskriptiver Art sind.

Demgegenüber stellt die hermeneutische Methode auf die spezifische Situation von Sprecher und Höhrer, Schreiber und Leser ab und fordert von demjenigen, der übereinen ehtischen Satz spricht oder ihn aufstellt die Besinnung auf seine persönliche Situation und die Bedingungen seines Verstehens. Dabei können dann Sätze und Aussagen diskutiert werden, die im "inneren Erleben" der beteiligten Menschen wurzeln.

Mit der dialektischen Methode versucht ein Mensch, sich mit Hilfe von Rede und Gegenrede, im Dialog, sich der Begrenzungen seines Erkennens bewußt zu werden und so gleichsam zu übersteigen. So kommt er immer mehr zur Erkenntnis, daß das was er sieht nicht das ist, was wirklich ist und im Idealfall als Ergebnis eines schmerzhaften Prozesses zur Erkenntnis des wahren Seins.

Sonderformen scheinen die analogische und die diskursive Methode zu sein. Sie stehen, je nach Ausformung, mal der einen und mal der anderen Wissenschaftstheorie näher. Die analoge Methode versucht als Methode des rechten Maßes eine Position zwischen zwei Extremen zu finden (zwischen zwei theoretischen Positionen oder zwischen Theorie und Praxis). Die Verhältmäßigkeit ist ein wichtiges Kriterium. Die diskursive Methode formuliert ethische Sätze als Ergebnis einer transsubjektiven Diskussion im kommunikativen Handeln.

Einen Sonderfall stellt die transzendentale Methode dar, die z. B. bei Kant nach den allgemeinen Bedingungen moralischen Handelns fragt. Sie ist ein rationales Letzbegründungsverfahren und mit beiden wissenschaftstheoretischen Modellen prinzipiell vereinbar.

Folgende Tabelle soll dies verdeutlichen:

Methode Modell Philosoph
transzendental beide Kant
diskursiv je nach Ausprägung Habermas
analogisch je nach Ausprägung Aristoteles
logisch naturwissenschaftliches Wissenschaftsmodell Wright
analytisch naturwissenschaftliches Wissenschaftsmodell Wittgenstein
hermeneutisch geisteswissenschaftliches Wissenschaftsmodell Gadamer
dialektisch geisteswissenschaftliches Wissenschaftsmodell Platon

Was bedeutet nun "praktische Wissenschaft"? Spontan möchte man sagen, daß es sich hier um eine anwenungsorientierte Wissenschaft handeln muß. Es fallen sofort Wissenschaften wie Gartenbau, Elektrotechnik oder Maschinenbau ein. Als Charakter einer praktsichen Wissenschaft möchte ich mit Rückgriff auf Aristotels sagen, daß es sich hierbei um das Problem {/} [oder die] Aufgabe eines methodischen, lehr- und lernbaren Vorgehens bezogen auf ein Ziel oder Zweck handelt. So könnte man meinen, bei der Ethik ginge es um ein methodisches, lern- und lehrbares Vorgehen im Hinblick auf moralisch richtiges Handeln.

Damit wären wir beim zweiten Gegenstand dieses Versuches angekommen: dem Status der Ethik. Ist denn jedes Wissenschaftsmodell lgeichermaßen zurBegründung einer Ethik im genannten Sinneeiner praktischen Wissenschaft geeignet? Alle auf dem naturwissenschaftlichen Modell beruhenden Versuche einer Ethik sind entweder nur deskriptiv und eignen sich nicht für eine praktische Wissenschaft (die den Vollzug sucht). Sie müßten ansonsten in der Natur ein Kriterium für die Beurteilung von menschlichem Verhalten gefunden haben. Unter dem Schlagwort "Evolutionäre Ethik" versuchen derzeit einige Philosophen nicht nur die Ontogenese von moralischen Systemen sondern darüber hinaus die biologischen Grundlagen einer dem Menschen einzig möglichen Moral zu finden und zu beschreiben.

Mir erscheint dieser Versuch zweifelhaft. Er ist zwar hilfreich (eine moralische Forderung, die ein Mensch aufgrund seiner biologischen Konstitution nicht erfüllen kann erscheint sinnlos) jedoch ist der Schluß vom natürlichen So-Sein zum So-Sollen nicht logisch, auf jeden Fall nicht zwingend.

So sind denn die dem naturwissenschaftlichen Wissenschaftsideal verbundenen ethischen Systeme zumeist auf der deskriptiven Ebene verblieben oder sind letztlich Kompromisse: So beschreiben die sprachanalytischen Systeme oder der phänomenologische Ansatz die real existierenden moralischen System mit Hilfe (sprach-)logischer oder intuitver Methoden.

Zwischenformen sind hier die teleologischen (Pieper nennt sie eudämonistische) Systeme sowie der vertragstheoretische Ansatz. Teleologische Systeme beschreiben ehtische Sätze vor dem Hintergrund eines Ziels oder Zwecks, sei es das vollkommene und glückliche Leben (Aristoteles), das Wohlleben als Genußleben (Epikur) oder das Übergewicht der positiven Folgen gegenüber den negativen Folgen (Mill). Je nach dem, ob das Ziel für alle oder doch die Mehrzahl der Menschen gewollt ist spricht man hier von hedonistischen bzw. egoistischen Systemen und utilitaristischen Systemen.

Vertragstheoretiker denken ethische Systeme als das Ergebnis von Diskussion und Übereinkunft in einer konkreten Situation. Habermas mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns ist hier sicher zu nennen.

Alle diese Systeme haben m. E. vor dem naturwissenschaftlichen Wisssenschaftsideal das Problem, daß ihre Prinzipien letztlich auf einer intersubjektiv nicht überprüfbaren Entscheidung beruht, die zwar einer logischen Überprüfung und rationalen Diskussion standhalten mag, aber nicht zwingend ist.

Der existentialistische Ansatz (Kierkegaard, Camus) verbleibt vollständig in der individuellen konkreten Exitenz des einzelnen Menschen, der sich unter einen Unbedingheitsanspruch als freier Mensch entscheiden muß und so überhaupt erst das spezifisch menschliche seiner Existenz realisiert (Kierkegaard). Er verbleibt damit konsequent in seiner subjektiven Situation und ein solches ethisches System (wenn man es denn überhaupt als solches beschreiben darf) ist wohl überhaupt nur miteinem geisteswissenschaftlichen Wisssenschaftsideal vereinbar.

Einen Sonderfall stellen auch hier die mit der transzendentalen Methode entwickelten Systeme dar, von denen dasjenige von Immanuel Kant hinsichtlich Gehalt und Wirkung herausragt. Es geht um die Frage, unter welchen Bedingungen Handeln überhaupt von unserer Vernunft als moralisches bzw. sittliches Handeln beschrieben werden kann. Zentrale Begriffe sind hier Freiheit und Selbstverpflichtung sowie der Kategorische Imperativ als allgemeinste Form eines Sittengesetzes. Die Frage ist die, ob es Kant gelungen ist, ein allgemeines Sittengesetz nur auf der Basis unserer Vernunft zu entwickeln, das jeder anerkennen könne, der der Vernunft zustimmt oder ab auch Kant (und alle seine Nachfolger) einer sich jeder zwingenden Letztbegründung entziehenden Entscheidung bedarf.

Die Einordnung einer materialistischen Ethik als normative Ethik durch Annemarie Pieper halte ich nicht für zwingend. Als nicht-teleologische Ethik könnte sie über allen hier beschriebenen Ethiken stehen und als deterministische Ethik wäre sie fast so etwas wie ein schwarzer Schimmel. Deterministische Systeme sind entweder deskriptiv oder werden zu einem teleologischen System. (Da es in einer Klausur wohl in erster Linie auf die Reproduktionsleistung im Hinblick auf den Kurs ankommt, möchte ich meine Kritik mit dem Hinweis schließen, daß in der gesamten Kurseinheit die Beschreibung deontologischer ethischer System etwas zu kurz kommt.)

Folgende Tabelle mag meine Überlegungen noch einmal verdeutlichen:

System Beschreibung Einordnung
Phänomenologisch d NW keine praktische Wissenschaft
Sprachanalytisch d NW keine praktische Wissenschaft
Evolutiv d NW keine praktische Wissenschaft
(Deterministisch) d NW keine praktische Wissenschaft
Teleologisch n NW/GW praxisorientiert
Vertragstheoretisch n NW/GW praxisorientiert
Existentialistisch n GW praxisorientiert
Transzendental n NW/GW praxisorientiert

d= deskriptiv, n= normativ
NW = naturwissenschaftliches Wissenschaftsideal
GW = geisteswissenschaftliches Wissenschaftsideal

Damit scheint nun der Übergang zur dritten und letzten Fragestellung angezeigt.

Menschliches Leben ist entweder passiv verharrendes, erduldend und erleidendes oder aktiv gestaltendes, kreativ veränderndes in Aktion und Reaktion - oder irgendwo dazwischen. Selbst wenn es im Rahmen eines deterministischen Weltbildes nur Illusion ist - viele Menschen stehen täglich vor dem Problem, sich zwischen Handlungsalternativen entscheiden zu müssen. Dabei werden [sie manchmal] eher [als] technische Entscheidungen im Hinblick auf ein objektivierbares und quantifizierbares Ziel verstanden oder als genuin moralische Frage erlebt. So gibt es zwar auch mutierte Fragen (die Frage nach der richtigen Wurstosrte kann auch zu einer moralischen werden) doch die Fragen z. B. von Schwangerschaftsabbrüchen, Euthansasie oder der Bewertung von Selbsttätugngen sind Fragen, die nicht allein technisch nach den Möglichkeiten des Vollzugs diskutiert werden können. Die Fragen an Schwangerschaftsabbrüchen ist nicht hinreichend beantwortet wenn die Fragen anch dem technischen Wie? beantwortet ist. Im technischen Zeitaleter und angesichts der Folgen einer Handlung muß die Frage beantwortet werden, ob ein Mensch alles tun darf was er tun kann und wie die Begrenzung seines Tuns begründet werden kann. Angesichts des vielfältigen Leidens auf der Welt und angesichts der Tatsache, daß jeder Mensch, wenn er nicht Übermensch ist, zur Erlangung seiner Ziele der Hilfe anderer Menschen bedarf, stellt sich die Frage, ob es nicht auch eine Verpflichtung gibt zu einer bestimmten Handlung.

Jedenfalls scheint es so etwas wie moralische Fragen zu geben. Jede menschliche Gesellschaft scheint ein System von Regeln zu haben, das das Verhalten des Individuums begrenzt oder verpflichtet. Kritisches Verhalten kann sich jan icht in der Ablehnung erschöpfen, sondern muß nach dem wie und warum fragen. So ist denn wieder ein präskritpiver Satz gelungen und der Zirkelschluß perfekt: Die Forderung nach Moral wird moralisch begründet.

Relevanz für eine Frage zu haben bedeutet wohl auch, zumindest Teil einer Antwort zu sein. Können die ethischen Ssteme der praktischen Wissenschaft eine solche Antwort sein?

Deskritpive Systeme bieten wol allenfalls einen ersten Überblick und können als Anregung dienen - es sei denn, man erhebt das Gesetz der größten Zahl, des Durchschnitts oder dergleichen zum Kriterium. Was überhaupt nicht so dumm ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Eine moralische Regel, die in vielen Gesellschaften womöglich über eine lange zeit gegolten hat, kann eine große Relevanz zur adäquaten Lösung eines moralischen Problems haben. Es sei denn, ihre Gültigkeit beruhte allei nauf der Macht einer inzwishen entmächtigten sozialen Institution.

Der Umstand, daß alle anderen Systeme letztlich nicht zwingend begründbare Entscheidungen voraussetzen, führt letztlich zu einem Pluralismus der Systeme. Wenn sich der Hang, philosophische Diskussionen in Fundamentalkritik zu erschöpfen mit der Angst verbindet, die nur noch unangreifbare Systeme zuläßt, dann hat die philosophische Diskussion keine Relevanz für die menschliche Praxis. Wenn man aber akzeptiert, auch angreifbare Positionen zu diskutieren und ihre Folgen zu überlgen, dann kann eine Diskussion der vorgestellten Systeme fruchtbar sein. Man muß sich nur von dem Wahn befreien, letztgültige Sätze zu formulieren und die Möglichkeit des Irrtums auch in ethische Systeme einbauen.

Das hat natürlich Auswirkungen auf eine Theorie der Verpflichtung: Ein ethisches System, das von einem Menschen völlige Selbstaufgabe verlangt und womöglich die letzte Kleinigkeit des Lebens regeln möchte dürfte nur schwer mit der Möglichkeit des Irrtums vereinbar sein. Ebenso eine moralische Regel, die die Tötung eines Menschen fordert oder die dauerhafte Beschränkung seiner Freiheit.

Zum Schluß: Die vorgestellten ethischen System enthalten selten konkrete Handlungsanweisungen, sondern eher Prinzipien und Grundregeln, die er stn och auf die jeweilige Situation angewendet werden müssen. Das trägt nicht unbedingt zur Vereinfachung bei, kann aber in einer sich schnell verändernden Welt hilfreich sein.

Kommentars des Korrektors

Die Frage nach dem Status der Ethik als einer praktischen Wissenschaft wird klar sturkturiert beantwortet. Zunächst wird der Wissenschaftsbegriff geklärt. Hier und auch im zweiten Teil der Klausurfrage überzeugt der souveräne Umgang mit den Grundbegriffen der Ethik und den Lehrgehalten des Kurses. Die Klausurleistung belegt die Einarbeitung und Vertrautheit mit dem gestellten Problem. Eine im ganzen überzeugende Klausurleistung (sehr gut).