Platons Leben und Werk

Inhalt

Leben

Wir besitzen heute keine zeitgenössischen Biographien über Platon. Die älteste vollständig erhaltene Biographie stammt von Diogenes Laertios aus dem 3. Jahrhundert nach Christus. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Hinweise von Zeitgenossen und Nachfolgern, vor allem von Aristoteles. Über Platons Charakter und Persönlichkeit wissen wir so gut wie nichts und nur ganz wenige Hinweise ergeben sich aus seinen eigenen Werken. Dabei ist die wichtigste Quelle der sogenannte Siebente Brief. Mit diesen Einschränkungen ist die folgende Darstellung zu lesen.

Alle Jahreszahlen geben Jahre vor dem Beginn unserer Zeitrechnung an. In der Literatur sind teilweise abweichende Jahreszahlen zu finden, die damit zusammen hängen können, dass der Anfang des griechischen Jahres sich nicht mit unserem Jahresanfang deckt.

[Textkritische Untersuchungen und Editionsgeschichte fehlen noch. Die Standardwerke zu Leben und Werk sind in dieser Hinsicht sehr unergiebig.]

Platon wurde 428, dem Todesjahr von Perikles, geboren. Seine Eltern Ariston und Perictione gehörten zu den angesehenen und wohlhabenden Familien Athens. Über den vermutlich frühen Tod seines Vaters Ariston ist nichts bekannt. Seine Mutter heiratete auf jeden Fall ihren Onkel Pyrilampes. Platon hatte zwei Brüder, Adeimantes und Glaukon, sowie eine Schwester Potone. Aus der zweiten Ehe seiner Mutter hatte er einen Halbbruder Antiphon. Seine Geschwister erwähnt Platon in verschiedenen Dialogen (Politeia, Charmides, Parmenides).

Platon genoss wohl auf jeden Fall eine Erziehung, die den Vorstellungen der wohlhabenden athenischen Bürger entsprach. Wie die meisten jungen Männer seiner Klasse hatte er sicher politische Ambitionen und glänzende Aussichten. Doch es kam anders.

Seine Eltern gehörten zu den athenischen Aristokraten, die nach der Niederlage Athens im Peloponnesischen Krieg 404 unter dem Schutz Spartas die Herrschaft übernahmen. Kritias und Charmides, Cousin und Bruder Perictiones, gehörten zu der Gruppe der 30 Aristokraten, die nun die politische und militärische Führung hatten. Kritias und Charmides gehörten zum Freundeskreis des Philosophen Sokrates und so ist anzunehmen, dass Platon Sokrates seit seiner Kindheit kannte.

Platon war zwanzig Jahre alt, als dieser Kontakt sein Leben veränderte. Er wurde ein ständiger Hörer des Philosophen und entzog sich, sehr zum Entsetzen seiner Familie und Freunde, der Politik.

Zu dieser Entscheidung hat sicher auch die Art der Gewaltherrschaft der 30 Aristokraten beigetragen. Als im Jahr 399 die Demokraten wieder die Herrschaft übernahmen, hoffte Platon auf eine Besserung der politischen Umstände. Doch es kam anders. Sein Lehrer Sokrates wurde zum Tode verurteilt und trank den Giftbecher. Dieses Urteil entfremdete ihn endgültig von der athenischen Politik.

Über die Hintergründe des Todesurteils wird viel spekuliert. Als Freund der gerade beseitigten Herrscher war Sokrates den neuen Machthabern sicher suspekt. Die Verhandlung selbst wie die Umstände seines Todes geben aber Raum für die Spekulation, dass seine Ankläger Sokrates nicht wirklich töten wollten, sondern eine Verbannung geduldet hätten. Nach dieser Interpretation hat Sokrates sein Todesurteil selbst provoziert, indem er die mögliche Geldstrafe unmöglich machte. Nach dem Urteil hat Sokrates die Möglichkeit zur Flucht ungenutzt verstreichen lassen.

Nach der Hinrichtung Sokrates flieht Platon gemeinsam mit weiteren Freundes des Philosophen im Alter von nun 28 Jahren nach Megara zum Philosophen Eukleides. Diogenes Laertios berichtet von weiteren Reisen nach Kyrene, Italien und Ägypten. Dabei habe Platon den Mathematiker Theodoros und die Pythagoreer Philolaos und Eurytos besucht.

Auf seiner ersten Reise nach Syrakus auf Sizilien im Jahre 389 unternahm er umfangreiche Wanderungen auch durch Unteritalien. Dabei nahm er Kontakt zu den Pythagoreern auf und schloß Freundschaft mit Archytas, einem pythagoreischen Philosophen und Mathematiker. Die wichtigste Begegnung war aber die mit dem jungen Dion, der sein vertrautester Schüler und engster Freund wurde. Das Verhältnis zum Herrscher von Syrakus, Dionysios I. war wohl nicht ganz unproblematisch und führte zu einer abenteuerlichen Rückreise über Ägina. Platon sollte als Sklave verkauft werden und wurde durch einen glücklichen Zufall gerettet.

Der Aufenthalt in Syrakus dürfte zwei oder sogar drei Jahre gedauert haben. Nach der Rückkehr hat Platon vermutlich im Jahre 386 innerhalb eines Heiligen Bezirkes vor den Toren Athens ein Grundstück gekauft und dort eine Schule gegründet. Der Ort hatte seinen Namen von einem alten Helden Hekademos. Diese Schule hat in ununterbrochener Schultradition bis ins Jahre 529 n. Chr. bestanden - also annähernd 915 Jahre. Martin beschreibt die Akademie wie folgt:

"So kann man sich, obwohl direkte Nachrichten fast ganz fehlen, doch ein gutes Bild von der Akademie machen: Ein Garten in einer der schönsten Landschaften Attikas, ein kleiner Kreis von Hochbegabten und Gleichgesinnten.Versucht man eine Zahl zu nennen, so wird man sagen können, daß die Akademie schwerlich mehr als zwanzig Mitglieder gehabt haben mag. Unter ihnen sind die besten Mathematiker und Naturwissenschaftler der Zeit, die ihre neuen und erregenden Entdeckungen mitteilen. Im Mittelpunkt steht Platon. Der Gang seines Denkens beflügelt die Akademie, und er erhält wichtige Anregungen von ihr. Philosophie und Wissenschaft stehen in ständigem Gespräch, führen einen echten Dialog. So wurde die Akademie Platons, in der zum erstenmal die Idee einer solchen Institution ausgeprägt wurde, zum Ideal aller Akademien und Universitäten." (Martin 1969, S. 57.)

Nach dieser ersten Reise nach Syrakus hat Platon wohl auch sein umfangreichstes Werk, die Politeia begonnen.

Die zweite Reise erfolgt auf Einladung von Dionysios II. etwa 367. Die Einladung hatte Dion bewirkt und Platon folgte ihr gern. Sie diente dem Zweck, den noch jungen Dionysios II. im Sinne der von Platon ausgearbeiteten Konzeption auszubilden. Kurz nach Platons Ankunft kam es zu erheblichen Spannungen zwischen Dion und Dionysios II., in deren Folge Dion unehrenhaft des Landes verwiesen wurde. Die Interventionen Platons waren vergeblich.

Eine dritte Reise auf Einladung Dionysios II. unternahm Platon 361 in der Hoffnung, für seinen Freund Dion auf den Herrscher einwirken zu können. Doch es kommt erneut zu einem Streit. Dionysios II. setzt Platon auf Sizilien fest. Die Lage wird hoffnungslos, als Dionysios II. in Streit mit seinen Söldnern gerät und diese tatsächlichen und vermeintlichen Anhängern und Günstlingen des Tyrannen nach dem Leben trachten. Durch List und Fürsprache gelingt es Platon, nach Hause zurückzukehren.

Dion plant inzwischen die Rückkehr nach Syrakus und die gewaltsame Übernahme der Macht. Platon lehnt dessen Bitte um Parteinahme ab. Dion zieht gegen Syrakus, vertreibt Dionysios II. aus der Stadt und übernimmt die Herrschaft. Doch seine Herrschaft trifft auf unerwartete Schwierigkeiten und Dion läßt sich zu Grausamkeiten und Unrecht hinreißen. Dion wird 354 auf Befehl von Kallippos, einem Freund und Waffengefährten, selbst Schüler der Akademie, getötet.

Der Tod Dions hat Platon tief getroffen. Seine Trauer kommt in einem Gedicht zum Ausdruck:

Tränen haben die Schicksalschwestern
Hekabe und den Troerfrauen
zugesponnen
vor der Geburt.

doch du standest im Siegerkranze
Dion, als das Geschick dir aller
Hoffnung Früchte
plötzlich entriss.

Ruhest in heimischer Erde, treuer
deinem Volke. Wie glühend hat dich
meine Seele,
Dion, geliebt.

(Gedicht nach der Übersetzung von Wilamowitz-Moellendorf, zitiert nach Martin 1969, S. 38.)

Der politische Charakter der Reisen nach Syrakus wird zum Teil bestritten. Ganz sicher ist dies nur bei der ersten Reise. Die politische Konzeption Platons war noch gar nicht ausgearbeitet und Dionysios I. stand auf der Höhe seiner Macht. Die beiden weiteren Reisen dagegen erfolgten auf ausdrückliche Einladung hin und Platon gibt selbst an, dass er seine eigenen politischen Ansichten verwirklichen will (Siebenter Brief, 327 d, 328 b-c). Inwieweit Platon selbst die Utopie seiner Politeia von der Realtität auf Sizilien unterscheiden konnte, sei dahingestellt. Das Chaos, in das Sizilien in den Jahren von 367 bis zu Platons Tod 347 versank, muss auch Platon als vollständigen Fehlschlag seiner Pläne verstanden haben.

Die letzten Lebensjahre hat Platon in zunehmender Resignation als Lehrer und Leiter der Akdademie verbracht. Die politischen Aussichten auch in Athen waren trübe, seine Freunde verstorben. Die Berichte stimmen darin überein, dass Platon im Alter von einundachzig Jahren gestorben ist. Das Todesjahr dürfte demnach 347 gewesen sein.

Dialoge

Die Philosophie Platons ist mehr als 2300 Jahre alt. Alle erhaltenen Handschriften haben eine gemeinsame Textgrundlage. Dabei handelt es sich um eine antike Ausgabe, die enstanden sein muss, als anstelle von Papyrus Pergament verwendet wurde (Bormann 1973, S. 13).

[Es fehlen Angaben zur Editionsgeschichte der Werke Platons.]

Der heutige Kanon der Schriften Platons sowie ihre Einteilung gehen auf den Astrologen und Grammatiker Thrasyllos von Mendes in Ägypten zurück, der unter Kaiser Tiberius im 1. Jhd n. Chr. gelebt hat. Thrasyllos gilt allerdings nicht als der Urheber dieser Anordnung, sondern hat seinerseits ältere Grundlagen genutzt. Es hat allerdings in der hellenistischen Zeit mehrere verschiedene Platonausgaben gegeben, die in Einteilung und Text voneinander abwichen (Bormann 1973, S. 13).

[Einteilung nach Thrasyllos muss noch eingefügt werden.]

Ein für den Anfänger verwirrendes Problem stellen die unterschiedlichen Titel für die Dialoge Platons dar. Autoren verwenden häufig sowohl den griechischen wie auch den deutschen Titel synomym im Text: Politeia und Staat, Symposion und Gastmahl sowie Nomoi und Gesetze. Mindestens ebenso verwirrend ist die Verwendung von an die englische Sprache angepassten Titeln in übersetzten Texten, so z. B. Phaedo für Phaidon.

Bis heute sind eine Reihe von Fragen unbeantwortet:

  1. Welche der Dialoge stammen wirklich von Platon?
  2. In welcher Reihenfolge wurden die Dialoge verfasst?
  3. Da in den Dialogen nicht Platon, sondern zumeist Sokrates auftritt, stellt sich die Frage, wann in den Dialogen Platon durch Sokrates und wann der "echte" Sokrates zu Wort kommt.
  4. Welche Konsequenzen sind aus der besonderen Form der überlieferten Schriften zu ziehen, d. h. aus dem Umstand, dass es sich bei den Schriften Platons nahezu auschließlich um Dialoge handelt?

zu 1

Es gibt nur sehr wenige als platonisch überlieferte Schriften, deren Echtheit niemals bezweifelt worden ist. Als sicher unecht gelten heute Alkibiades II, Erastai, Hipparchos, Kleitophon, Minos und Theages (Bormann 1973, S. 12). Dabei werden aber immer auch von einigen Forschern Hinweise gegeben, die führe ihre Echtheit sprechen.

Ein wichtiges Kriterium für die Antwort auf die Frage nach der Echtheit stellt die Erwähnung einer Schrift durch Aristoteles dar. Von einigen Autoren wird als Maßstab der innere Zusammenhang mit einem von ihnen in den Schriften gelesenen "Platonismus" vertreten. Andere schlagen als indirekten Beweis für die Echtheit den Nachweis vor, dass aus den als echt angesehenen Dialogen ein zusammenhängendes und verständliches Gesamtbild des Entwicklungsgangs Platons hervorgebracht werden kann.

Neben den Epigrammen sind vor allem die Briefe hinsichtlich der Beurteilung ihrer Echtheit sehr umstritten. Besonders die Frage nach Echtheit des umfangreichen Siebenten Briefes, der als wichtige Quelle über das Leben Platons gilt, ist von großer Bedeutung. Die gesamte mir vorliegende Literatur geht von der Echtheit dieses Briefes aus.

zu 2

Innerhalb der Dialoge werden Widersprüche gelesen, die sich nur schwer oder gar nicht auflösen lassen. So wird die Kritik an der Ideenlehre im Parmenides dort letztlich nicht widerlegt. Eine Hilfe wäre es nun, wenn gelänge, die historische Reihenfolge der Entstehung der Dialoge zu ermitteln. Daraus könnte dann auf eine Entwicklung der Gedanken (z. B. der Ideenlehre) geschlossen werden und es wäre durchaus denkbar, dass Platon in späteren Dialogen einen Gedanken wieder zurücknimmt oder relativiert, den er in früheren Dialogen vertreten hat.

Dieser Aufgabe haben sich haben sich immer wieder Philologen gestellt und sind z. T. zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Anhaltspunkte sind Anspielungen auf historische Ereignisse oder der Versuch, ihre inneren und äußeren Zusammenhänge zu rekonstruieren. Ein weiteres Hilfsmittel ist die vergleichende Sprachforschung.

Eine sichere absolute Chronologie ist bis heute unmöglich. Als sicher gilt, dass der Theaitetos nach dem Tod des historischen Theaitetos 369 n. Chr. geschrieben sein muß. Ebenso sicher gilt, dass Platon selbst die Gesetze nicht selbst veröffentlicht hat. Die Dialoge, die den Prozeß und den Tod Sokrates darstellen sind sicher erst nach 399 n. Chr. verfaßt worden.

Eine relative Chronologie, welche das zeitliche Verhältnis der Dialoge zueinander angibt, gilt als gesichert. Allerdings nicht für jede einzelne Schrift, sondern für drei bzw. vier Gruppen von Schriften.

von Arnim Lutoslowski Raeder Ritter Wilamowitz
  Apologie Apologie Hippias Minor Ion
Ion   Ion   Hippias Minor
Protagoras   Hippias Minor Laches Protagoras
Laches Euthyphron Laches Protagoras Apologie
Politeia I Kriton Charmides Charmides Kriton
Lysis Charmides Kriton Euthyphron Laches
Charmides   Hippias Maior Apologie  
Euthyphron Laches Protagoras Kriton Lysis
Euthydemos Protagoras Gorgias Gorgias Charmides
Gorgias   Menexenos Hippias Maior Euthyphron
Menon Menon Euthyphron Euthydemos Gorgias
Hippias Minor Euthydemos Menon Kratylos Menexenos
Kratylos Gorgias Euthydemos Menon Menon
Symposion Politeia I Kratylos Menexenos Kratylos
Hippias Maior Kratylos Lysis Lysis Euthydemos
Phaidon Symposion Symposion Symposion Phaidon
Kriton Phaidon Phaidon Phaidon Symposion
Politeia II-X Politeia II-X Politeia Politeia Politeia
Theaitetos Phaidron Phaidron Phaidron Phaidron
Parmenides Theaitetos Theaitetos Theaitetos Parmenides
Phaidros Parmenides Parmenides Parmenides Theaitetos
Sophistes Sophistes Sophistes Sophistes Sophistes
Politikos Politikos Politikos Politikos Politikos
  Timaios Timaios Kritias Kritias
  Kritias Kritias Philebos Philebos
Nomoi Nomoi Nomoi Nomoi Nomoi
    Epinomis    

Reihenfolge nach Ueberweg-Praechter:

I Apologie, Kriton, Ion, Protagoras, Laches, Politeia I, Lysis, Charmides, Euthydemos
II Gorgias, Menon, Euthydemos, Hippias Minor, Kratylos, Hippias Maior, Menexenos
III  Symposion, Phaidon, Politeia II-X, Phaidron
IV Theaitetos, Parmenides, Sophistes, Politikos, Philebos, Timaios, Kritias, Nomoi, Epinomis

Reihenfolge nach Gigon:

I Laches, Charmides, Protagoras, Euthyphron, Lysis, Politeia I, Ion
II Apologie, Kritias, Gorgias, Menon, Euthydemos, Kratylos, Hippias Minor und Hippias Maior, Menexenos
III  Symposion, Phaidon, Politeia II-X, Phaidros
IV Theaitetos, Parmenides, Sophistes, Politikos, Timaios, Kritias, Philebos, Nomoi

(Tabellen nach Bormann 1973, S. 15 f.)

In jüngerer Überblicksliteratur wird mitunter zwischen frühen, mittleren und späten Dialogen unterschieden (z. B. Disse 2001).

zu 3

Eine Antwort auf diese Frage ist natürlich zunächst besonders für den an Sokrates interessierten Leser bedeutsam. Doch auch wenn Sokrates in einem Werk von Platon auftritt muss der Autor sich den vorgetragenen Gedanken nicht automatisch zu eigen machen.

Zwei extreme Positionen sind denkbar: Für die eine spricht in den Dialogen der historische Sokrates. Für die andere ist Sokrates philosophisch völlig irrelevant. Sokrates trägt die Gedanken Platons vor. Eine vermittelnde Position liest in den frühen Dialogen den historischen Sokrates und in den späten Dialogen im Vortrag des Sokrates die Meinung Platons. Martin ist der Auffassung, dass es bisher noch nicht gelungen sei, beide Gruppen voneinander zu trennen, so dass eine befriedigende Antwort auf die Frage letztlich ausbleibt (Martin 1969, S. 63).

zu 4

Es gibt keine systematische Darlegung des platonischen Gedankensystems von Platon. Alle systematischen Darstellungen sind solche über Platon. Die Platon zugeschriebenen Texte sind nahezu sämtlich als Dialoge verfasst. Es gibt Gründe für die Annahme, dass Platon die systematische Darlegung seiner Philosophie, ja letztlich jeder Philosophie für unmöglich hielt (Siebenter Brief 341 a-e).

Ohne die Frage nach der Ungeschriebenen Lehre an dieser Stelle zu diskutieren sei der Hinweis erlaubt, dass in der Forschung zwischen einer exoterischen und einer esoterischen Lehre Platons unterschieden wird. Mit den Dialogen haben wir vermutlich einen Teil der exoterischen Lehre Platons vor uns, also den Teil, den Platon selbst für ein Lesepublikum bestimmt hat. Unter einer esoterischen Lehre Platons ist nun aber weniger eine mystische Geheimlehre zu verstehen, die einem verschworenen Geheimbund mitgeteilt wird, als viel mehr eine methodologische Einschränkung hinsichtlich der durch Bücher vermittelbaren Einsichten. Das erklärt auch die besondere Dialogform, die nahezu alle Schriften Platons auszeichnet. Sie diskutieren ein Problem, ohne eine abschließend zufriedenstellende Antwort auf alle aufgeworfenen Fragen anzubieten. Sie führen so eher zu Vorstellungen Platons hin, als dass sie sie ausbreiten.

Fazit

Für denjenigen, der sich zum ersten Mal mit mittelalterlicher oder gar antiker Literatur oder Philosophie beschäftigt, ist der Ertrag dieser Ausführungen vielleicht unbefriedigend. Stand die Philosophie Platons vielleicht bisher als monolithischer Block vor ihm, zu dem es seither nur noch Fußnoten gab (Whitehead), so beginnt dieser Block vielleicht ein wenig zu bröckeln. Dabei sind bisher inhaltlich so gut wie keine Fragen diskutiert worden.

Die Philosophie Platons, wie Platon sie selbst in der Akademie gelehrt hat, ist für uns nicht mehr zu rekonstruieren. Wir haben eine Reihe von Schriften, die Platon als Autor zugeschrieben werden und eine nun fast 2.400 jährige Rezeptionsgeschichte. Wir können uns nicht mit Platon "an sich", sondern nur mit Platon, wie er sich uns in dieser Tradition darstellt, auseinandersetzen. Der historische Platon bleibt für uns ein Produkt unserer Phantasie.

Eine weitere historische Einschränkung scheint mir wichtig. Trotz der unbestreitbar wirkmächtigen Rezeptionsgeschichte scheinen mir bestimmte Begriffe unangebracht. Wir wissen nicht, welche der Gedanken Platons vor oder mit ihm von anderen gedacht wurden. Wir wissen ebenfalls nicht, welchen Anteil die hier genannten Philosophen, die Platon aufsuchte und mit denen er korrespondierte, an seiner Philosophie hatten. Wir kennen Platon nur von den Zuschreibungen seiner Zeitgenossen und späterer Anhänger wie Gegner. Tatsächliche Größe hat wenig mit zugeschriebener Größe zu tun und ob Platon der größte oder einer der größten Philosophen der griechischen Antike war, sei dahingestellt. Er war in diesem Sinne sicher einer der wirkmächtigsten oder vielleicht sogar der wirkmächtigste Philosoph.